wer mag, schaue doch einmal hier:
Selbstbeschreibung der lady m
danke, Broken !! Ich bin gespannt!
ladyofromance - 19. Juni, 19:09
Tatort:
eine Bibliothek, Samstag mittag, kurz vor Feierabend.
Die Gänge leeren sich, Bibliothekarinnen eilen umher, räumen liegen gebliebene Bücher ein, schließen Fenster und werfen dabei wieder und wieder unruhige Blicke auf die Uhr.
Feierabendstimmung in Niedersachsen.
Ich versuche, mich von der allgemeinen Hektik nicht anstecken zu lassen und schaue mich in der Hörbuch-Ecke um. Da sehe ich sie. Eine Frau, vielleicht 40 Jahre alt. Klein wirkt sie, klein und unscheinbar. Unsicher ist ihr Blick- und noch unsicherer wird dieser, als sich ein junger Mann, als er sie sieht, es sich anders überlegt und anstatt zu uns zu stoßen, um in den CDs zu stöbern, Richtung Buchentleihe flüchtet.
Ohja, sie ist anders- denn sie sitzt im Rollstuhl und scheint selbst ihre Hände nur eingeschränkt nutzen zu können. Bei Weitem keine attraktive Erscheinung in unserer ach so "schönen" Leistungsgesellschaft.
Ich seufze innerlich und lächle sie etwas schüchtern an. Einfach so, vielleicht weil ich selbst sehr gut nachfühlen kann, wie es schmerzt, wenn sich andere von einem im Alltag abwenden.
Es scheint Wirkung zu zeigen- sofort fährt sie auf mich zu und bittet mich um Hilfe.
Plötzlich werde ich zu ihrer "Assistentin": eine CD nach der anderen krame ich hervor, reiche sie ihr zum Lesen. Ab und an nickt sie und bittet mich, diese in ihre Tasche zu stecken.
Sie lächelt und fährt zur Schlange vor der Entleihe, während ich meinen Stapel Bücher zusammen raffe und hinterher gehe. Selbst dort sehe ich, wie jemand anderes, der sich hinter ihr anstellen möchte, sofort abwendet und wieder in die Bücherregale eilt. Ob er sich fürchtet, bei ihrer Gehbehinderung anzustecken? Viel eher scheint es mir, als scheue er die Möglichkeit, ihr helfen zu müssen. Traurig schüttele ich den Kopf und stelle mich hinter sie. Und staune über ihr Vertrauen:
So bittet sie mich, ihr Portemonnaie hervorzukramen und dort ihren Bibliotheksausweis heraus zu nehmen, als auch Geld für eine Gebühr, die sie zahlen muss. Und da ich doch gerade dabei sei,könne ich doch gleich ihre Bücher aus den Taschen heraus nehmen, in welchen ich erst einmal tief herum kramen muss, da dort noch andere Dinge herum liegen...
Ich spüre die Blicke der Leute um mich herum und ich gebe zu, dass mir das alles ziemlich unangenehm ist- so schnell werde ich vertraut gemacht mit solch intimen Dingen einer mir wildfremden Frau!
In dem Chaos fällt eins meiner Bücher herunter- doch auch hier fühlt sich niemand zuständig. Logisch- Gaffen ist spannender- wer weiß, was man verpassen könnte.
Vom Bibliothekar ernte ich zwischendurch einen Rüffel, da ich wohl die entliehenen Bücher, die die Dame wohl zurück geben wollte (und es aus irgendwelchen Gründen noch nicht zuvor gemacht hat) und die auszuleihenden Bücher durcheinander bringe, woraufhin ich nur erschöpft erwidere, dass ich darin leider keinen Einblick hätte, da ich der Dame nur behilflich sei...
er murmelt eine Entschuldigung, wohl erst jetzt die Lage verstehend und die Bücher wechseln den Besitzer.
Irgendwie schaffe ich es, meine eigenen Bücher zur Seite zu schieben und erst einmal ihre Bücher in den engen Taschen zu verstauen. Jetzt gerade hätte ich gerne vier Hände statt nur zwei...
Als alles geschafft ist, murmelt die Dame im Rollstuhl ein Danke und entschwindet gen Ausgang- viele Blicke folgen ihr.
In mir kehrt langsam aber sicher Ruhe ein.
Noch etwas betäubt von den vielen zwischenmenschlichen Spannungen dieser wenigen Minuten schnappe ich mir meine Bücher und verlasse das Gebäude.
Was ist das nur manchmal für eine komische Welt...
ladyofromance - 19. Juni, 15:53